Der Traum

Es ist Sonntagmorgen 10:04 Uhr, ich liege noch im Bett und ich träume … soeben laufe ich den besten Halbmarathon meines bisherigen Lebens…doch plötzlich völlig überraschend stehe ich an einem Bahnübergang irgendwo bei Kilometer 16,  Schweiß rinnt über mein Gesicht, mein Herz schlägt ca. 170 Mal in der Minute …… aus heiterem Himmel steht vor mir ein Güterzug und versperrt mir den Weg. Ich blicke verdutzt nach links, nach rechts, nach hinten, hunderte von Läuferinnen und Läufer sammeln sich hinter mir. Ich verstehe nicht…was ist los? Geistesgegenwärtig drücke ich die Start/Stop-Taste auf meiner Garmin. Gebrüll… Geschrei… Unverständnis… Kopfschütteln… Fassungslosigkeit… 2 Polizisten versuchen vergeblich Herr der Lage zu werden…einige wenige machen einen fatalen Fehler, sie suchen die Flucht nach vorne und klettern gedankenlos wie in Trance zwischen den Güterwagons über die Kupplungen der Wagons hindurch um auf die andere Seite zu kommen und bringen sich in große Gefahr …dann wieder Pfiffe…Gebrüll….Geschrei.

Der Zug

Schweißgebadet öffne ich meine Augen und zwicke mich erst in den Arm dann in die Backen, nein ich habe nicht geschlafen, wir schreiben tatsächlich den 22. September 2013, es ist 10:04 Uhr und ich stehe in Wirklichkeit inmitten hunderter Marathonläufer/innen am Bahnübergang in Weiherfeld und vor mir ein stillstehender Güterzug. Diese absurde Situation hat sich am vergangenen Wochenende beim 31. Fiducia Baden-Marathon zugetragen und hat viele ambitionierte Halb – Marathonis und Marathonis von einer bis zu 8 Minuten gekostet.

Bis zu diesem besagten Kilometer 16 war meine Welt aber noch so was von in Ordnung, dass ich kaum beschreiben kann wie mir zumute war.  Der LBS – Halbmarathon, der im Rahmen des 31. Fiducia Baden – Marathons stattfand sollte zum einen die Vorbereitung auf den Frankfurt Marathon sein, zum anderen aber auch ein selbstständiger Wettkampf bei dem ich an meine momentane Leistungsgrenze gehen wollte, um eine neue persönliche Bestzeit im Halbmarathon zu laufen.

Der Start

Die Bedingungen am Start waren mehr als gut, Sonnenschein, fast kein Wind und 12°C ….Läuferherz was willst du mehr.  Der letzte Toilettengang war erledigt, nun hieß es schnell zur Startaufstellung in den BLOCK A  🙂 wow…hätt ich mir vor 3 Jahren auch nicht träumen lassen als noch das D auf der Startnummer prangerte. Zielzeit?..…nun ja, ganz sicher war ich mir nicht. Ich wollte auf jeden Fall unter 1:30h bleiben, wenn es gut läuft evtl. 1:29h und wenn Ostern und Weihnachten zusammen fallen evtl. auch eine 1:28er Zeit. Peter Greif notierte auf meinem Trainingsplan „4:08 min/km“ für den Halbmarathon, ein ganz schönes Brett wenn man bedenkt, dass dies vor einiger Zeit noch die Pace für einen 10km Lauf war. Egal jetzt, reingequetscht in den hinteren Teil des Startblock A… 10…9…8 usw. Peng…los ging´s.

Auf dem 1. Kilometer war wie immer (selbst im vorderen Feld) Konzentration gefragt, Ellbogen raus und bloß keinem in die Haken treten…geschafft! 4:04min/km…zu schnell..? Hmmm..? Ich laufe einfach weiter und halte das Tempo. Peter Greif sagt:“ Beim Halbmarathon kannst du nix falsch machen, laufe voll…und wenn du merkst du packst es nicht, laufe halt etwas langsamer“, so ungefähr   :-).

[singlepic id=315 w=320 h=240 float=right]Der Zugläufer 2:59h und seine Meute jagen hinter mir her, ich bleibe vorne, bislang ging der Plan also auf. Zwischenzeitlich laufen wir von der Kriegstraße auf den Ostring und das Kilometerschild 5 rauscht nach 20:16 Minuten an mir vorbei, Ich spüre das gewisse etwas, ich kann es nicht beschreiben, Runners High… jetzt schon? Keine Ahnung aber es ist definitiv der Grund warum ich laufe. Bereits jetzt bin ich mir sicher, das wird mein Rennen, ich will es unbedingt schaffen. Die nächsten beiden Kilometer begleitet mich eine alte Bekannte, naja sie kennt mich nicht wirklich aber ich kenne sie, Julia Busch von der LG Pfinztal! Bei den Volksläufen regelmäßig auf dem Treppchen, ist sie auch heute wieder hochmotiviert und zieht mich unbewusst für 3 Kilometer mit. Der Stimmungsherd in Durlach gibt mir den nötigen Schwung…ich bekomme Gänsehaut während ich das gerade schreibe…ohne Scheiß…tolles Publikum!

Kilometer 10, der Chronometer zeigt 40:50 Minuten. Unfassbar ich laufe einen 4:05er Schnitt beim Halbmarathon und ich fühle mich toll…ich bin schneller als die Greifsche` Vorhersage…wie geil! Jetzt heißt es durchhalten.

Bis Kilometer 13 läuft noch alles gut, ich laufe 4:06, 4:04 und 4:07 im Schnitt. Planmäßig nehme ich meinen ersten Schluck vom Liqid Energie Pur von Aktiv3 um für die verbleibende Distanz gewappnet zu sein.

Weiter geht es durch Rüppur, dann vorbei an den Schrebergärten der Kleingartenanlage am Scheibenhardter Weg, der Kilometer 14 und Schwupps auch schon der 15te verfliegen im nu. Während ich in Gedanken schwelge und im Traum schon im Beiertheimer Stadion mit einer Bestzeit einlaufe, rüttelt mich ein Tumult nicht weit vor mich wach. Was war da los…? Ja, Ihr wisst es schon! Die von uns allen geliebte Deutsche Bahn eilte ihrem Ruf voraus und  ließ mal eben einen schönen Güterzug die Marathonstrecke queren…unfassbar, die Details habt ihr ja schon gelesen bzw. gibt es hier: Güterzug bremst Marathonläufer aus

Nach für mich ca. 8 Minuten Standpause fuhr der Zug weiter und die Menschenmasse die sich zwischenzeitlich angesammelt hatte nahm wieder Fahrt auf. Ein kurzer Druck auf meine Forerunner und der Wettkampf ging auch für mich weiter. Im Wissen, dass die offizielle Zeit ja jetzt am Ar…. ist, dachte ich mir… „Hey Wolle, jetzt erst recht!“

Nach anfänglichem Rumgeeier hatte ich schnell wieder meinen Rhythmus gefunden und die Kilometer 17 und 18 verstrichen in 3:52 min/km und 3:58 min/km.

Nun passiere ich den Kilometer 19 im 4:04er Schnitt und renne durch das Bulacher Loch, die anfeuerungsrufe der Zuschauer nehme ich nicht mehr richtig wahr….ich bin im Tunnel. Jetzt sind es noch gut 2 Kilometer bis ins Ziel und so langsam beginnt der Kampf mit dem inneren Schweinehund.  Ich merke wie ich ungewollt etwas nachlasse, die vielen Zuschauer, die dann aber in der Günther-Klotz-Anlage links und rechts die Athleten mit ihren Honorationen bedienen geben mir einen letzten Kick.

Da ist sie, die Abzweigung Marathon/ Halbmarathon…. und heute bin ich wirklich froh dass ich rechts abbiegen darf, ich laufe zwischen Europahalle und Europabad entlang in Richtung Beiertheimer Stadion…. Freunde, Bekannte und viele Familienmitglieder feuern die Läufer an… die Sonne knallt mir noch ein letztes Mal ohne Gnade ins Gesicht…gleich ist es geschafft.

Die Zielgerade

Wie immer bei so einem Rennen und heute im speziellen ist die Zielgerade für mich der schönste Moment im Rennen… das Stadion ist voll besetzt und die Stimmung ist grandios. Ich blinzle noch einmal kurz auf die Uhr…..passt! Ein letzter Anfeuerungsruf vom Kollegen Uwe, der mit Frau und Handykamera bewaffnet auf meinen Schlussspurt wartete. Jetzt war er wieder da dieser unglaubliche Moment den dir keiner mehr nehmen kann….Gänsehaut…..die letzten Meter und mit hochgerissenen Armen durch den Zielbogen.

Meine FR305 zeigt mir eine Nettozeit von 1:27:02 Stunden und eine Strecke von 21,3 KM. Eine lächelnde junge Dame hängt mir die Medaille um und ich schlendere zu den Verpflegungsständen und so langsam wird mir klar, dass soeben Ostern, Weihnachten und Neujahr auf einen Tag gefallen sind. 

Ich laufe durch das Rund des Stadions sinniere ein wenig, nehme mir Obst, ein alkoholfreies Bier, Wurst und Brot und mache mich auf die Suche nach meinem Freund Marcus. Ich finde ihn erst am Ausgang. Schnell vergleichen wir unsere „Zugzeiten“, er erzählt mir dass auch er fassungslos am Gleis  stand. Eine neue persönliche Bestzeit konnte auch er trotzdem sein Eigen nennen, Glückwunsch! Der 31. Fiducia Baden-Marathon wird mir und wohl allen Beteiligten in guter Erinnerung bleiben, da bin ich mir sicher. Die Korrektur der Zeiten von rund 640 Läuferinnen und Läufern war bis „Redaktionsschluss“ noch nicht abgeschlossen, somit steht für mich vorerst meine selbstgestoppte Zeit von 1:27:02 Std. zu buche. Auf den vom Veranstalter zugesagten Gutschein für einen Freistart im nächsten Jahr freue ich mich wirklich sehr, denn für meine teuer bezahlte Nachmeldung (45 EUR für den Halbmarathon) musste ich mir von meiner „Regierung“ einiges anhören  🙂 .  In diesem Sinne…. keep on RunningWolle!

 

 

 

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