Der Berlin-Marathon 2014 war für mich einfach nur…. hmmmm? Ja wie war er denn eigentlich? Als mich nach der Rückkehr von Berlin Freunde und Bekannte fragten wie es den beim Marathon in Berlin gewesen sei, rang ich mit einem Anflug von Gänsehaut um Worte die das erlebte irgendwie beschreiben konnten. Ich wusste um ehrlich zu sein nicht so recht wie ich diese Frage beantworten sollte. „Tolles Erlebnis“, „war echt super“…usw. waren meine Antworten. Tatsächlich spiegelt das aber in keinster Weise auch nur im Ansatz wieder, was ich vor, während und nach dem Berlin-Marathon empfand. Allein dass es überhaupt zu einer Teilnahme kam, glich schon einem kleinen „Wunder“.

Nach langem hin und her (wie immer bei uns) entschieden wir uns letztlich für das Auto als Transportmittel auf dem Weg nach Berlin. So schwangen sich Dana, Marcus, Claudi und ich am letzten Freitag in unseren alten Daimler. Trotz der langen Fahrt herrschte wegen der Vorfreude und des Spaßvogels auf der Rückbank vergnügsame Kurzweil.

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Auf dem Weg nach Berlin….Stau…Baustelle…Stau..

Wegen einigen Staus kamen wir leider später in Berlin an als geplant. Allerdings bescherte uns die Verspätung ein Upgrade ins Ramada Hotel…was für eine Tragödie 🙂 Nach einem deftigen Abendessen beim „Alten Fritz“ ging es dann auch schon bald in die Heia.

Mit einem ausgiebigen Frühstück legten wir einen Grundstein für den Tag und machten uns auf zur Marathonmesse. Mit der U6 ging es in Richtung Tempelhof. Der alte Flughafen diente als Austragungsort für die Selbige. Mit einer Fläche von 24.000  ließ die sogenannte Vitalmesse keine Wünsche fürs Läuferherz offen. Die Stände an denen man alles nützliche und unnütze rund ums Laufen kaufen kann nahmen kein Ende. Doch schließlich kamen wir ans Ende der zichten Halle und konnten dort unkompliziert unser Startnummern entgegennehmen. Am PowerBar-Stand habe ich mich noch kurz mit paar Gels eingedeckt und weiter ging es in Richtung Außenbereich. Auch hier wieder ein Stand nach dem Anderen…ein Eldorado, dicker Geldbeutel vorausgesetzt.

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Auch Dieter Baumann, der am Sonntag im ARD kommentierte war vor Ort

Da sich inzwischen immer mehr Menschen auf der esse immer einfanden beschlossen wir sogleich den Ausmarsch aus dem riesigen Areal. Mit der U-Bahn ging es wieder zurück. Ein kurzer Abstecher ins Hotel um unsere Startnummernbeutel nicht den ganzen Tag umherschleppen zu müssen, und ab ging es vom Alexanderplatz mit der Fahrradrikscha vorbei an allen möglichen Sehenswürdigkeiten bis hin zum Brandenburger Tor.

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Mini-Seightseeing durch Berlin

Ein paar Bilder vom Reichstag und eine Bratwurst später führte uns der Weg mit der U-Bahn wieder zurück zum Alexanderplatz. Ein kurzer Abstecher ins ALEXA für die Damen musste auch noch sein und schon wieder neigte sich der Tag dem Ende zu. Nun hieß es noch einmal Kraft tanken für den großen Tag. Eine gemütliche Pizzeria um die Ecke war da genau das Richtige. Ich meine das Peter Greif oder Steffny mal geschrieben hatte, dass eine Pizza (mit dem richtigen Belag) genau das richtige Abendessen vor einem Marathon ist….herrlich 🙂

Es ist Sonntagmorgen 5:10 Uhr, mein Wecker klingelt…phuuu…aber so ist das halt, Marathonlaufen heißt früh aufstehen. Nach vorausgegangener Salbung der „empfindlichen Stellen“  hieß es rein in die Laufklamotten. Frühstück gab es ab 5:30 Uhr, also alles perfekt. Ich fühlte mich gut. Meine noch nicht ganz verheilte Fußverletzung spührte ich überhaupt nicht mehr.

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Gänsehautmoment…tausende Läuferinnen und Läufer auf dem Weg zum Start müssen vorbei am Brandenburger Tor

Wir haben gefrühstückt und endlich geht es los. Nach einer kurzen Fahrt mit der U-Bahn zum Potsdamer Platz machen wir uns mit Hunderten anderen Läufern auf dem Weg zu Startgelände. Es herrscht eine tolle Atmosphäre, vorbei am Brandenburger Tor halten wir kurz die Menge auf und schießen obiges Foto 🙂 Weitere 5 Minuten vergehen und wir stehen gezwungenermaßen in einer langen Schlang vor den Dixihäußchen. Auch das ist irgendwann geschafft. Wir verabschieden uns noch mit einem Knuddler von unseren Frauen und traben langsam zum Eingangsbereich.

Der Blick auf die Uhr sagt uns, „jetzt aber bitte beeilen“! unfassbare Menschenmassen machen sich auf um in Ihre Startblöcke zu kommen. Marcus und mein Weg trennten sich am Eingang in den Startblock. Er Startblock F 3:15 -3:30 Stunden und ich in  Startblock E 3:00 – 3:15 Stunden. Ich hatte mich letzt endlich dazu entschlossen volles Risiko zu gehen. Am Arm trug ich eine ausgedruckte Tempotabelle mit der Zielzeit 3:11:59 Stunden. Verrückt? Ja, definitiv! Aber was solls, ich hatte nix zu verlieren…wenn`s schlecht läuft 3:30h wenn`s gut  läuft 3:20h und wenn`s ein Herbstwunder gibt, dann eben „ohne Training“ 3:11:59h :-).

Dann ist es soweit ich stehe inmitten von 40.000 Läuferinnen und Läufern aus aller Herren Länder – fantastisch. Nun habe ich nicht die ursprünglich vorgesehenen 66 KG 🙂 und auch die 3 Stunden werde ich heute nicht knacken, doch wenigstens  Petrus meint es gut – die Sonne scheint und es ist Windstill, was für ein geiles Gefühl! Meine Blicke schweifen umher, jeder nestelt nochmals an seinen Klamotten, der Uhr oder seinen Schuhen herum. Alle Blicken gebannt nach vorne in Richtung Startbogen. Nachdem die weiblichen und männlichen Topatlethen vorgestellt werden geht es los. Der Countdown wird runtergezählt und Berlin Oberbürgermeister Klaus Wowereit gibt den Startschuss.

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Der Start mit den Top Läufern ganz vorne, dahinter 40.000 Freizeitläufer

Es dauert eine Weile aber nach gut 2 Minuten ist es soweit ich überquere die Startlinie und gebe meiner neuen Garmin 310XT das Startsignal. Ich kann es immer noch kaum glauben dass ich über die Straße des 17. Juni laufe, vor ein paar Wochen hatte ich diesen Marathon verletzungsbedingt eigentlich schon abgehakt. Es ist ein glücklicher Moment, bin so froh über die „Blitzheilung“ und dass ich heute am hier am Start sein kann.

Das Rennen beginne ich im Gegensatz zu Regensburg verhalten ich plane für die ersten 5 Kilometer eine Zeit von knapp über 23 Minuten. Ich laufe los und bin noch völlig überwältigt, viele Läufer werfen noch während des Laufs ihre Start-Aufwärm-Klamotten auf die Straße. Es ist also Vorsicht geboten um nicht zu stürzen. Ich komme gut durch und schon laufen wir an der Siegessäule dem 1. Highlight der Strecke vorbei. Ich friere nicht habe aber Gänsehaut.

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Nach wenigen 100 Metern geht es vorbei an der Siegessäule

Auf den ersten Kilometern versuche ich mein Tempo und meinen Platz im Feld zu finden. Das Tempo geht aber der Platz in so einem großen Feld…naja. Es folgt ein kleiner Anstieg…wir überqueren zum ersten Mal die Spree. Zwischen Kilometer 3 und 4 bin ich dann umzingelt von einer Gruppe  aus dänischen Läufern, die scheinen hier sowieso in der Überzahl zu sein. Wahnsinn egal wo man hinschaut Lauftrikos aus Dänemark. Meine Garmin rüttelt mich aus der Trance…Brrrrr….Brrrrr….Kilometer 5! Die Rechnung geht auf nach Handgestoppten 23:03 Minuten überlaufe ich die piepsende Matte, 4:36er Schnitt. Zack! Passt! Noch schnell einen Wasserbecher von der ersten Verpflegungsstelle mitgenommen und weiter gings.

Es geht entlang der alten Moabiter Straße. Erneut überqueren wir die Spree. Dann befinden uns auf dem Spreebogen und kommen bei Kilometer 7 am Bundestag vorbei.

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Viele Zuschauer säumen hier die Straßen und feuern die Marathonis kräftig an. Inzwischen tut mir mein Gesicht schon weh vor lauter Grinsen…ich bekomme es einfach nicht weg. Immer wieder habe ich Gänsehaut. Ich riskiere mal so langsam wieder einen Blick auf meine Uhr, denn die Gruppe Mexikaner die mich seit Kilometer 5 umringt, bringt mich schier zur Verzweiflung…die rennen und reden…reden und rennen…machen einen Spaß nach dem andern…lachen und machen faxen mit den Zuschauern. Es ist alles sehr kurzweilig bis KM 10. Meine Zeit 46:25 Minuten! Nach der Greif´schen Tempotabelle bin ich noch im Plan.

Wir überlaufen den Rosa Luxembourgplatz in Richtung Berlin – Mitte, streifen den Alexanderplatz und umrunden das Rondell am Strausbergplatz. 12 KM liegen zwischenzeitlich hinter mir und es erreicht mich das Runners High – zum Xten mal 🙂 Meine Beine fühlen sich noch leicht an und ich habe keine Schmerzen. Wieder vergeht die Zeit wie im Flug und kurz vor der KM 15 Marke nutze ich den Verpflegungsstand. Wasser und ein Stück Banane sollen mir helfen auf den nächsten 10 KM das Tempo etwas zu verschärfen.  Ein kleiner Zwischenspurt sozusagen. Zwischen KM 15 und 25 ist ein 4:27er Schnitt geplant….mal sehen.

Die Stimmung an der Strecke ist echt Weltklasse, viele Bands geben ihr bestes und auch von den Balkonen hämmert taktvoll die Musik. Viele Fans nutzen auch die Namen auf der Startnummer und feuern die Läufer mit dem Vornamen an…“Super Wolfgang, du schaffst es Wolfgang“ usw. man läuft automatisch schneller als geplant….noch zumindest. 22 Sekunden hinter dem Plan überquere ich mit einer kleinen bis in die Haarspitzen motivierten Frau aus Venezuela die Halbmarthonmarke nach 1:36.52 Stunden. Die Hälfte ist geschafft, wir durchlaufen die Stadtteile Schöneberg und Firedenau und überall dasselbe Bild, fröhliche Zuschauer. Es ist wirklich ein Genuß hier zu laufen. Auch mein „Zwischenspurt“ auf den letzten 10KM hat geklappt, im Schnitt war ich mit einem Tempo von 4:26 min/km unterwegs. Zwar liege ich immer noch gut eine halbe Minute hinter dem Plan aber ich bin optimistisch am Ende noch zulegen zu können.

Meine Gels sind in der Zwischezeit aufgebraucht, so kommt die PowerBar Gel Zone genau richtig. Zwischen KM 27 und 28 werden Unmengen an Gels verteilt. Ich schnappe mir 2 um dem Einbruch zum Ende des Rennens zu entgehen :-)…obs klappt? Wenig später passieren wir dann die Stimmungshochburg am Wilden Eber. Die Motivationsspritze gibt mir noch einmal Schub bis KM 30. Meine Uhr zeigt 2:17:16 Stunden, ich hinke mit 45 Sekunden hinter meinem Plan. Ab diesem Zeitpunkt war das mir dann aber doch sowas von Schei….egal! Langsam aber so ganz langsam kommt der Punkt an dem es nicht mehr ganz so locker und flockig läuft.

Mit 4:33 min/km und 4:36 min/km laufen die KM 331 und 32 noch gerade so im Rahmen aber dann muss ich das erste Mal kämpfen. Die Oberschenkel spüre ich nun auch aber ich versuche die „Schublade auf – Schmerzen rein – Taktik“ anzuwenden. Auf dem Kurfürstendamm bei KM 34 bäume ich mich noch einmal auf und laufe eine 4:29 min/km, die ich mit 4:50 auf KM 35 aber wieder egalisiere. Was nun folgt ist der eigentliche Marathon. Die letzten 7 Kilometer sind Kampf mit dem inneren Schweinehund und Vorfreude auf den Zieleinlauf zugleich. Man erreicht einen Punkt an dem man mit dem Geist den Körper überlisten muss.

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Vom Potsdamer Platz ist es nicht mehr weit…jetzt heißt es Kämpfen und genießen

Mein Ziel hat sich zwischenzeitlich auf „hoffentlich klappts noch mit einer 3:15h“ verschoben 🙂 Meine Zwischenzeiten der Greif`schen Tempotabelle auf meinem Armband kann ich schon seit einiger Zeit überhaupt nicht mehr lesen…aber egal, einfach weiter laufen, immer das Ziel vor Augen. Dann ist er da, der Potsdamer Platz, nur noch wenige Meter bis zur 40 KM Marke. 3:05:35 Sekunden sind vergangen als ich den 40isten Km hinter mir habe….das wird eng, sehr eng. Ich spüre dass kein großartiger Endspurt mehr möglich ist. Im Gegenteil in meiner linken Wade braut sich was zusammen. Bitte jetzt kein Krampf auf der Zielgeraden..alles aber bloß nicht das!

Es kommt die letze Kurve, wir biegen links ab auf die Straße Unter den Linden in Richtung Brandenburger Tor. Das ist er, der Moment, ich bekomme Gänsehaut über der Gänsehaut. Es ist ein unbeschreiblicher Moment..ich laufe was noch geht…versuche den Moment in mich aufzusaugen.

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Die letzten Meter auf dem Weg zum Ziel des Berlin-Marathon sind unglaublich emotional

Ein letztes Mal mobilisiere ich meine letzten Kräfte. Ich laufe durch das Brandenburger Tor, nun sind es noch 400 Meter bis ins Ziel. Jetzt gibt es kein halten mehr, die Zielzeit ist mir inzwischen Wurscht, ich freue mich einfach dieses Spektakel einmal miterlebt zu haben. Ich reiße die Arme hoch, und juble in die Menge. Die letzten Meter, dann ist es geschafft. Ich laufe mit nur 180 Vorberietungskilometern nach 3:16:02 Stunden durchs Ziel des Berlin-Marathon. Ein kleiner Traum geht für mich in Erfüllung. Im bekomme ich von einer netten Helferin die mich drückt und mir gratuliert meine Medaille.

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Ich ziehe meine Schuhe aus und laufe über die Wiese (Platz der Republik) in Richtung Familientreffpunkt vor dem Reichstag. Ich treffe Claudi, Dana und Markus….hääää? Marcus? Was macht denn der schon hier? Der Teufelskerl ist mit einer Erkältung eine neue PB gelaufen nach 3:20:48 Stunden hat auch er den Berlin Marathon gefinnisht.

Wir sind beide stolz, freuen uns und fahren nach einer wohltuenden Dusche im Hotel gemütlich mit unserem alten Daimler nach Hause.

Vielen Dank an alle die bis zum Ende durchgehalten haben…aber ich musste das einfach alles los werden 🙂

In diesem Sinne…..Keep on cropped-RUWO3-1024x437

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