Ultralaufen oder Bestzeitenmarathon? – Muss ich mich entscheiden?

….Rodgau Ultra, Dèfi des Seigneurs, Zugspitz UltraTrail, Fidelitas Nachtlauf, Bretten Night 52, Kraichgaulauf, Albmarathon Schwäbisch Gmünd…nein keinen dieser Ultramarathons oder Trails möchte ich missen, zu schön waren die Erlebnisse und die Emotionen. Bewusst hatte ich auf einen persönlichen Frühjahrsmarathon auf Bestzeit verzichtet und diese Herausforderung auf den Herbst verschoben. Beim Frankfurt Marathon wollte ich dann meine Zeit vom letzten unterbieten. Doch wie immer im Leben kommt alles anders als man denkt.

Es war Ende September und der Muskelkater vom Kraichgaulauf über 50 KM schwand so allmählich aus meinem Körper. Der Blick richtete sich nun voll auf den Frankfurt Marathon. Der Turmberglauf über 10 KM in Karlsruhe-Durlach nach einer Woche Regeneration war die erste Standortbestimmung in Sachen Tempo. Mit meiner Endzeit von 40:40 Minuten war ich ganz zufrieden und gleichzeitig gespannt wie es sich die nächsten Wochen bis zum Marathon entwickeln würde.

Als Abschlusstraining sollte mir der Rechenberglauf über 25 KM und 740 Höhenmeter in Schwäbisch Gmünd dienen. Verhalten wollte ich den schönen Landschaftslauf absolvieren um eine Woche später auch noch genug Körner zu haben. Mit meinem Beitritt in die LG Ultralauf hatte ich nun aber auch das Verlangen in Schwäbisch Gmünd den Verein zu unterstützen und eventuell noch die Ultramarathon Bundesliga zu gewinnen. Also was nun? 50 KM beim Albmarathon mit aller Kraft und einfach mal genießen oder eben anders herum?

Albmarathon Schwäbisch Gmünd

Meine Entscheidung fiel dann doch auf Schwäbisch Gmünd. Die Vorstellung gemeinsam mit fast 30 Startern vom selben Verein an diesem Lauf teilzunehmen war einfach zu toll. Ich fühlte mich gut und ging mit viel Vorfreude an den Start. Das Wetter war an diesem 21. Oktober super und es gab keinen Grund den Lauf nicht in vollen Zügen zu genießen und gleichzeitig alles zu geben.

Kurz nach dem Start beim Albmarathon in Schwäbisch Gmünd im Trikot der LG Ultralauf

Ich nehm´s vorweg….den Lauf hatte ich trotz intensivem Streckenplan Studium deutlich unterschätzt. Die drei „Kaiserberge“ die es zu bewältigen galt, hatten es wirklich in sich. Nicht nur bergaufwärts erinnerten sie mich an den üblen  Skihang beim Zugspitz UltraTrail der einem den Atem raubte, sondern auch die teilweise sehr steilen Bergabpassagen konnte ich bei Leibe nicht so heruntersprinten wie ich es eigentlich vor hatte. Noch vor dem ersten Anstieg traf ich auf Oliver Rottweiler, den ich von vielen Läufen um Karlsruhe herum kenne. Wenn ich es noch recht in Erinnerung habe, war er bereits zum 15. Mal beim Albmarathon am Start. Er kannte die Strecke also in und auswendig. Bis zum ersten Berg blieb ich bei ihm um mich nicht schon am Anfang des Rennens zu zerschießen. Nachdem der erste Berg überstanden war, blieb nicht viel Zeit um sich zu erholen. Bereits nach 5-6 KM ging´s schon zum 2. Mal kräftig nach oben. Nach dem folgenden „Abstieg“ machten mir zum ersten Mal meine Waden Probleme. Es blieb mir keine andere Wahl als kurz anzuhalten und auszudehnen. Zum Glück legten sich die muskulären Schmerzen schnell wieder und ich konnte den letzen Berg auch noch bezwingen.  Danach ging´s wellig weiter und erst auf den letzten 8 KM verlief die Strecke leicht abschüssig.

..der Berg ist geschafft, doch die Freude wärte nicht lange…auf und nieder immer wieder… 🙂

Genau ab hier wollte ich richtig Gas geben…..tja wollte. Die ersten 42 KM waren dann aber doch so kräftezehrend dass ich mit Müh und Not noch knapp unter 5er Schnitt laufen konnte. Nach 4:39:32 Stunden lief ich glücklich und erleichtert ins Ziel. Der Albmarathon war ein richtiges Brett, den ich warum auch immer dermaßen unterschätzt hatte. Mit etwas Abstand war es aber dennoch eine gute Vorstellung von mir und Spass hat der wunderschöne Lauf allemal gemacht.

Nun galt es schnell, nein sehr schnell zu regenerieren. Da war ja noch was….der Frankfurt Marathon! Eine Woche hatte ich ich Zeit. Ich nahm mir vor erst am Donnerstag oder Freitag zu entscheiden wie ich den Marathon angehen werde oder ob ich ihn gar mit Claudi als Begleiter laufen sollte. Da sich der Muskelkater am Donnerstag weitgehend verabschiedet hatte schmiedete ich den Plan in Frankfurt in Richtung 3:15h (Idealfall) oder 3:20h zu laufen. Eine Bestzeit war von vornherein eh ausgeschlossen. Fehlendes Tempotraining und die kurze Regenerationszeit zwischen den Wettkämpfen ließen einfach nicht mehr zu. Ja …..das wusste ich aber nichtsdestotrotz hatte ich im Hinterkopf in Frankfurt nochmals alles zu geben.

Frankfurt Marathon

Nachdem Claudi und ich bereits am Samstag angereist waren und wir nach der Startnummernabholung noch die Marathonmesse etwas unsicher gemacht hatten, gingen wir nach einer monströßen Pizza recht zeitig ins Hotel um unseren Krimskrams zu richten und die lange Nacht mit der Zeitumstellung voll auszukosten.

Samstags auf der Marathonmesse. Das obligatorische Foto auf dem Treppchen 🙂

Am nächsten Morgen war bei Claudi die Aufregung vor ihrem 2. Marathon mächtig groß. Meine Beschwichtigungsversuche dass es wohl allen Läuferinnen und Läufer vor einem Marathon so ginge, fanden wenig bis gar keinen Anklang. Nachdem wir unseren Wechselbeutel abgegeben hatten, war es dann irgendwann doch soweit und ich stand im Asics Startblock. Ganz hinten stellte ich mich an, um ja nicht in die Versuchung zu kommen zu schnell loszulaufen. Gemach wollte ich es angehen und frühestens am KM 30 den Turbo zünden, auf jeden Fall aber den 2. Halbmarathon schneller laufen als den ersten. Ich erspare euch an dieser Stelle die Gefühlswelten der einzelnen Abschnitte, die man während eines Marathons so durchmacht. Ziemlich komisch war es für mich aber einen Marathon mit angezogener Handbremse zu laufen und nicht auf Bestzeit zu gehen. Das war eine Premiere für mich, mal abgesehen von den 4 Pacemaker Marathons die ich dieses Jahr gelaufen bin. Es lief eigentlich ganz gut und noch bei KM 25 dachte ich…“wow wie geil, wenn dass so weiterläuft kannst ab KM 30 schauen was noch geht und auf die Tube drücken“.  Doch hier war dann leider doch der Wunsch der Vater des Gedanken! Exakt bei der 30 KM Marke war mein Akku leer! Nix ging mehr! Es war als ob mir jemand den Stecker gezogen hätte. Eben noch auf Wolke 7 und dann plötzlich kommt der Mann mit dem Hammer. Feierabend dachte ich und nahm die folgende Verpflegungsstelle ausgiebig mit. Wasser, Iso, Cola alles schüttete ich rein. Was soll`s, es half ja nix nun rumzuschmollen, also lief ich einfach langsam weiter. Etwas später machte sich dann auch noch meine linke Wade bemerkbar aber dank der Salztabletten blieben die Krämpfe wenigstens aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich die Mainzer Landstraße hinter mir und lief noch einmal durch die Innenstadt. Ich versuchte die restlichen Kilometer so gut es geht zu genießen und nahm mir aber gleichzeitig vor wenigstens unter 3:30 Stunden zu laufen. Es hat dann auch geklappt. Nach 3:27:21 Stunden lief ich über den roten Teppich in die Festhalle. Etwas emotionslos und matschig im Kopf nahm ich meine Medaille, lief ich durch die Verpflegungsstationen und ging duschen.

Ich stellte mir unentwegt die Frage ob dass so richtig war. Geht das überhaupt, dass ich auf der einen Seite nach Bestzeiten strebe und auf der anderen Seite die Ultraläufe und Trails genieße? Wenn ich mein Laufjahr so angucke, denke ich dass es vielleicht schon möglich wäre aber ich muss mich in Zukunft einfach mehr auf die wichtigsten Läufe fokussieren und nicht bei jedem Start immer ans Limit gehen. Die Möglichkeit auch mal einen Wettkampf auszulassen gibt es natürlich auch aber die Läufer unter uns wissen dass das verdammt schwierig ist 🙂 Ich werde aber auf jeden Fall meine Lehren daraus ziehen und im nächsten Jahr direkt mit einem Frühjahrsmarathon beginnen. Dann kann ich das restliche Laufjahr in all seiner Herrlichkeit genießen.

……Während ich an der Absperrung in der Frankfurter Messehalle den emotionalen Zieleinlauf von Claudi verfolgte, war mir aber auch im selben Moment schon wieder klar das Bestzeiten einfach nicht alles sind.

In den nächsten Tagen wird mein Herzblatt hier einen kleinen Gastbeitrag über Ihren 2. Marathon verfassen.

8 Gedanken zu „Ultralaufen oder Bestzeitenmarathon? – Muss ich mich entscheiden?

  1. Hey Wolfgang, herzlichen Glückwunsch für Claudi und Dich zum Finish in FFM. Es ist sicherlich nicht immer einfach und möglich einen rauszuhauen und sich jedes Mal zu verbessern. Vielleicht hilft es Dir, die gesamte Leistung des Jahres zu bewerten, zumindest hilft das mir. Letztendlich sollten wir doch echt froh sein, dass wir so eine solche Sportart auf diesem Level überhaupt machen können? Ich bin überzeugt, dass es bei Dir im nächsten Jahr wieder einen Boost macht. Liebe Grüße Marcus

    1. Danke dir Marcus😊 Du hast recht, es war ein tolles Jahr mit vielen tollen Wettkämpfen und Erlebnissen. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Nächstes setze ich Prioritäten und dann wird’s auch wieder was mit nem schnellen Marathon👍

  2. Also wenn ich mit angezogener Handbremse und nach 30km „ich habe fertig“ eine sub 3:30 laufen könnte, würde ich den Tag zu einem jährlichen Feiertag erklären. 😉
    Aber jeder hat nun mal seine eigenen Fähigkeiten, Ziele und vor allem Wünsche. Vielleicht schaffe ich es noch mal eine sub 4:00 zu laufen. FRA Marathon 2018 ist ja bereits gebucht.
    Wobei, Du hast es ja schon in Frage gestellt, ist ein streben nach Bestzeit überhaupt vereinbar mit dem Grundgedanken Ultras zu laufen und Trails zu genießen? Schwer zu sagen.
    Ich bin der Meinung, wenn ich das Laufen einfach genieße. Wenn ich stets mit Freude meine Laufschuhe anziehe und in die Wälder verschwinde ohne irgendwelche Trainingspläne im Kreuz zu haben, dann kann es passieren, dass irgendwo eine Bestzeit herausspringt. Das wäre dann einfach eine freudige Zugabe.
    Ob ich mich noch für bestimmte „Zielzeiten“ quälen möchte würde ich eher mit nein beantworten. Wenn ich mich bei einem Lauf super gut fühlen würde und es sich ergeben würde Bestzeit zu laufen, dann würde ich es aber auf jeden Fall probieren.
    Ansonsten laufe ich des Laufens wegen und versuche es zu genießen. Man`n wird ja auch nicht jünger! 😉
    Nochmal herzlichen Glückwunsch zu deinem beeindruckenden Jahr.
    Da hast Du einiges tolles erlebt und ich bin der Meinung dies ist wesentlich mehr wert als eine Bestzeit!

    Gruß Gerd

    1. Vielen Dank Gerd für deine Zeilen. Naja die Zielzeiten sind halt immer verhältnismäßig und für jeden individuell 🙂 Grundsätzlich laufe ich auch des Laufens wegen und ich genieße es auch dennoch habe ich noch den sportlichen Blick auf die Sache und möchte einfach versuchen hier und da an meinen Bestzeiten zu „schrauben“. Im nächsten Jahr werde ich einfach anders an die Sache heran gehen und mich auf 3-4 Rennen fokussieren und die restlichen als Vorbereitungs-, Trainings-, oder als Genussläufe zu sehen. Mal sehen ob das klappt 🙂 Wünsche dir eine gute Gesundheit und noch viele schöne Läufe.

      Gruß
      Wolfgang

  3. Hach, wie du weißt, laufe ich schon seit 38 Jahren, ich habe so viele Läufer erlebt, die sich das Gleich fragten wie du, viele haben sich kaputt gelaufen, weil sie Bestzeiten hinterher liefen, bis sie irgendwann keine Lust mehr hatten, verletzt und für immer und ewig von der Bildfläche verschwunden waren.

    Laufen sollte aus meiner Sicht Freude bereiten, klar, man muss sich hin und wieder quälen, aber es ist wohl genau das, was wir auch mögen.

    Wie auch immer, das richtige Maß zu finden, sich dabei nicht zu übernehmen und IMMER die Freude am Laufen zu behalten, das kann ein gutes Ziel sein, und genauso halte ich es……………..tut einfach nur gut !

    P.S. Die Schrift der Kommentare ist sehr schwer lesbar !

    1. Ja Margitta, das mit dem richtigen Maß war wohl mein Manko dieses Jahr. Ich hoffe doch sehr dass ich noch ein Weilchen auf der Bildfläche bleibe 🙂 und künftig ein besseres Maß finde. Es ist ja bei mir die Lust und Freude am Laufen die mich immer wieder hinaus führt und selbstverständlich genieße ich auch viel Läufe im Training. Dennoch beneide ich hin und wieder dein befreites Laufen so ganz ohne Druck und Zwang…herrlich. Irgendwann komm ich da bestimmt auch hin… 🙂 P.S. Danke für den Hinweis

      LG
      Wolfgang

  4. Moin Wolfgang,

    immer wieder spannend die Unterschiedlichkeit unter Läufern zu betrachten. Bei der Anzahl, der Länge und dem Tempo Deiner Läufe kann ich nur dicke Backen machen. Deine Begeisterung herauszulesen (blenden wir die bekannten Maleschen und Durchhänger mal aus) macht aber wirklich Spaß.

    Nichtsdestotrotz schließe ich mich dezent den etwas mahnenden Worten von Margitta an. Paß auf Dich auf.

    LG Volker

    1. Hi Volker 👋 gerade gestern hab ich mit einer Arbeitskollegin darüber gesprochen wie sich die Aufregung über Unwichtiges, das wichtig Getue und der manchmal falsche Ehrgeiz während des „Älterwerdens“ immer mehr legen und sich die Entspanntheit mehr und mehr breit macht. Ich bin guter Hoffnung dass es bei mir jetzt auch noch ins Laufen überschwappt 😊. Vielen Dank für deine netten Zeilen 👍

      LG
      Wolfgang

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